Eine in alten Chroniken überlieferte Episode aus dem Hundertjährigen Krieg zwischen England und Frankreich beschäftigte Literaten und Künstler bis ins 20. Jahrhundert hinein: im elften Monat der Belagerung von Calais durch englische Truppen im Jahr 1347 lieferten sich sechs angesehene Bürger der Stadt dem Feind aus, um die Bewohner zu retten; im Büßerhemd und einen Strick um den Hals übergaben sie die Schlüssel der Stadt. 1884 begann Auguste Rodin im Auftrag der Stadt Calais mit seiner wohl berühmtesten Bronzegruppe: Die Bürger von Calais, 1895 an ihrem Bestimmungsort aufgestellt, wurden weltweit zum beeindruckenden Symbol für Bürgersinn und Opfermut. Das photographische Interesse von Candida Höfer - 1944 geboren und Absolventin der Becher-Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie - gilt seit Ende der 70er Jahre dem öffentlichen Raum. Für eine Ausstellung im Musée des Beaux-Arts in Calais photographierte sie Rodins Bürger, von denen zu seinen Lebzeiten vier und bis 1995 acht weitere Abgüsse gefertigt wurden, an ihren Aufstellungsorten in der ganzen Welt: in Museen oder auf öffentlichen Plätzen in Paris, London, Kopenhagen, Washington, Basel, Tokyo, im belgischen Mariemont, in New York, Philadelphia, Pasadena, Seoul und eben Calais. Es entstand eine erstaunliche Dokumentation zur Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel von Rodins Jahrhundertwerk.
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